Seinen 80sten Geburtstag durfte er noch erleben.
Das war lange sein großes Ziel.
Noch einmal ein großes Fest feiern.
Aber zuletzt wollte er nicht mehr.
Sein 80ster Geburtstag verlief so, dass ihn die Menschen die ihm
ihre Anerkennung zeigen wollten (und davon gab es viele) in seinem
Wohnzimmer besuchten, wo er sein Pflegebett hatte.
In den letzten Wochen kam auch noch die Dialyse dazu.
Dass das die Betroffenen so anstrengt, das wußten wir vorher nicht.
Einerseits war er so schwach, sein Körper war verbraucht
und er brauchte die Dialys.
Andererseits hat ihn die Dialyse fertig gemacht.
Ein Dilemma.
Die Geschichte vom Ende begann vor etwa 10 Jahren.
Da hatte er seinen ersten Herzstillstand.
Er konnte wiederbelebt werden.
Das passierte noch zweimal.
Bis er dann einen Herzschrittmacher bekam.
Das mit den Stillständen war zwar dann erledigt, aber dass er ein
viel zu großes Herz mit einer daraus resultierenden schlechten
Pumpwirkung hatte, daran konnte man nichts ändern.
Der Pflegedienst kam einmal täglich.
Ein Pflegeheim kam nicht in Frage.
Das wollte ihm keiner von uns antun.
Mutter, sie ist 76, war zwar manchmal am Ende ihrer Kräfte.
Aber sie wollte ihm nun, da das Ende in Sicht war jeden Wunsch erfüllen.
Es war am vorletzten Montag als er zur Dialyse ins Krankenhaus
abgeholte wurde. Das ging nur noch mit einem Liegend-Transport.
Als er nun zur Dialyse war, rief das Krankenhaus an
“er gefällt uns nicht, wir behalten ihn hier”.
Am nächsten Morgen kam dann der Anruf meiner Frau aus dem
Krankenhaus. “Die Ärzte sagen ihr sollt alle kommen – es geht
zuende mit ihm”.
Kurz vor Mittag war ich dann im Krankenhaus.
Nach einiger Zeit waren alle acht in dem Intensivstationszimmer
versammelt.
Auch die Enkelkinder. Sie sind nun alle zwischen 19 und 27.
Nur mein Bruder nicht. Der war in Spanien.
Vater war nicht mehr ansprechbar.
Seine Atmung sah reflexartig und verkrampft aus.
Als ob er sich noch gegen das Ende wehrt.
Wir gingen davon aus, dass er uns trotzdem hören konnte.
Und so sprachen wir mit ihm und unterhielten uns
und hielten abwechselnd seine Hand.
Immer mal wieder mit Tränen in den Augen.
Die Bindung die die Enkelkinder zu ihm zeigten überraschte
mich etwas. Aber so ist das wohl oft.
Mir hat er eine strenge Erziehung angedeihen lassen.
Die Enkelkinder wurden eher verhätschelt.
Ich bin ihm dankbar dass ich eine behütete Jugend hatte.
Er ließ mich zur Schule gehen so lang ich wollte.
Und er förderte meine musikalische Ausbildung.
Am Nachmittag wurde klar dass mein Bruder mindestens bis
22 Uhr brauchte bis er hier sein würde.
Ob es daran lag, dass er dann loszulassen schien?
Die Atmung wurde immer ruhiger. Es sah aus als ob er schlief.
Um etwa 17 Uhr beschlossen wir, dass die Mädchen
sich verabschieden sollten.
Das war ein schwerer Moment für sie.
Viele Tränen, Schluchzen und Umarmungen.
Und ein letzter Abschiedskuss. Die Jungs wollten bleiben.
Um 18:30 tat er dann seinen letzten Atemzug.
Das Krankenhauspersonal ließ uns Zeit so lange wir brauchten.
Dann nahmen auch wir Abschied und willigten der Frage ein,
dass die Netzhaut zur Spende zur Verfügung steht.
Am nächsten Tag klärten mein Bruder und ich die Angelegenheiten
beim Bestattungsinstitut.
In der Leichenhalle nahmen wir nochmals Abschied.
Die Enkelkinder machten mit der Seelsorgerin sogar noch einen
zweiten Termin für den Sonntag aus.
Dabei legten sie einen Abschiedsbrief, eine Zeichnung
aus Kinderzeiten und ein Andenken in den Sarg und
scheuten nicht mal vor einer Berührung der Leiche.
Beerdigung war dann am Montag. Unzählige Leute waren da.
Er war beliebt und hat viel für andere getan.
Er hatte ein großes Herz – im wahrsten Sinne des Wortes.
Das war nochmal ein schwerer Tag.
Aber das lange Abschiednehmen.
Die Rituale. Das hilft das alles zu verarbeiten.
So gab es nicht nur Tränen in diesen Tagen,
sondern auch ab und zu auch mal ein Lachen,
wenn wir uns gemeinsam an Erlebtes zurückerinnerten.
Tags: Sterben, Sterbeprozess